Zwischenruf – Priestermangel? Gläubigenmangel!

Heute wurde mir eine Meldung angezeigt, die eine Reflexion darüber auslöste, was in der Kirche in Deutschland gerade vor sich geht. Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln, sieht sein Bistum in einer „personellen Krise“. An einigen Orten leiteten Priester bereits bis zu vier Seelsorgebereiche gleichzeitig. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Es gibt viel zu wenige.

Direkt kam mir die Diskussion über den Zölibat in den Sinn, die in den letzten Wochen erneut entbrannte.  Denn meistens sind die Lockerung des Zölibats und die Zulassung von Frauen zum Weiheamt die Arzneien, die vorschnell von allerlei Stellen verschrieben werden, um den herrschenden Mangel zu beheben. Die Diskussion neu ausgelöst hatte ZdK-Präsident Thomas Sternberg, der den Zölibat eben wegen des Priestermangels lockern wollte.

Dabei wird allerdings etwas Grundlegendes verkannt: Wir haben in Deutschland keinen Priestermangel. Wir haben einen Gläubigenmangel! Eine Zahl macht dies deutlicher als viele Worte: 10,4 Prozent der Katholiken gehen am Sonntag in die Kirche.[1] Nun will ich nicht argumentieren, es sei alles gut, es gäbe ja verhältnismäßig genug Priester für die immer kleiner werdende Zahl aktiver Gläubiger.

Es wird nämlich noch fundamentaler. Hat man diagnostiziert, wie wenig Menschen die Kirche mit ihrer Botschaft noch erreicht, wünscht man sich als überzeugter Christ, sie würde diese Menschen (wieder) für sich gewinnen können. Nun begegnete mir in diesen Tagen eine weitere, nachdenklich machende Anzeige. Es handelte sich um ein Angebot („Sing & Pray“) eines katholischen jugendspirituellen Zentrums. Der Anzeigentext lautete: „Start something new – Kraft tanken für Neues – Gegenseitig Segen sein – Verschiedene Segenswünsche erleben“. Nach der Lektüre war ich mehr oder weniger ernüchtert, dass es in keiner Weise darum zu gehen schien, vom christlichen (sich dem Einzelnen in Jesus Christus persönlich zuwendenden) GOTT den Segen zu erbitten. Der Text forderte, rein immanent, gegenseitig ein Segen zu sein. Also klickte ich auf die ausführliche Beschreibung. Dort wurde betont, dass man sich anlässlich des neuen Schuljahrs gegenseitig alles Gute wünschen und Segenssprüche verschiedener Religionen kennenlernen wollte. Das Ganze wurde abgerundet durch ein Zitat von Buddha.[2]

Nun wäre genau die Jugend das Feld, wo wir wieder damit beginnen könnten, ein fruchtbares Umfeld zu schaffen, wo Glaube, wo Berufungen (die ohne Glaube unmöglich sind), entstehen könnten. Junge Menschen müssten wieder erkennen können, welche Strahlkraft der christliche Glaube besitzt. Aber zu was motivieren wir sie, die noch nicht mit dem Glauben in Berührung gekommen sind, und die Erwachsenen, die den Glauben entweder nicht kennen oder schlechte Erfahrungen damit gemacht haben? Zum Eintritt beziehungsweise zur Rückkehr in eine Wischiwaschi-Religion, deren genuin eigene Botschaft überhaupt nicht mehr zutage tritt (aus einem falsch verstandenen Respekt vor anderen Religionen?!). Den Alltag verlängern können sie aber auch im Kleintierzuchtverein, beim Kegeln oder am Stammtisch. Wieso sollten sie in die Kirche gehen?

Natürlich muss die Kirche die Leute „abholen“, wie es so schön heißt, kann nicht mit einem Ratzinger-Zitat über die Trinität beginnen, wenn sie ihnen den Glauben nahebringen will, sondern muss eine einfache Sprache sprechen. Aber abholen bedeutet in der Kirche meistens, abholen und dort stehen bleiben. Kein Wunder, dass die Menschen nicht „mitgehen“. Abholen impliziert, abholen zu etwas. Das muss die Kirche neu lernen.

Nicht zuletzt beweist gerade die Art von Glauben von Menschen, die zum Katholizismus konvertiert sind, dass sie nicht von einer Weichspül-Religion fasziniert wurden, sondern von großartigen, neuen, eindrucksvollen Worten, wahrnehmbaren Riten, klaren Standpunkten…

Um dem Priestermangel zu begegnen, hilft es wenig, die Bedingungen für den Zugang zum Weiheamt zu lockern (die auch theologisch gute Gründe haben). Denn mehr Glauben würde es dadurch ganz sicher nicht geben. Hauptamtliche Laien-Mitarbeiter fehlen bereits ebenso.

Um all diesen sinkenden Zahlen, angefangen bei den einfachen Kirchenbesuchern, über die engagierten Ministranten und Kirchenmusiker bis zu den Hauptamtlichen und Priestern, wirklich zu begegnen, bräuchte es eine neue Atmosphäre des Glaubens. Zumindest in Deutschland aber tut man alles dafür, ein Aufkommen dieser zu verhindern.

 

[1] Wie die Deutsche Bischofskonferenz diesen erschreckenden Sachverhalt in ihrer Statistik ausdrückt, kann ich in keiner Weise nachvollziehen: „Der Gottesdienstbesuch am Sonntag und die Feier der Heiligen Messe sind zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens und werden von durchschnittlich 10,4 Prozent der Katholiken wahrgenommen.“
[2] An dieser Stelle möchte ich nicht die Beschäftigung mit anderen Religionen kritisieren, in keiner Weise! Diese ist in der Regel sehr bereichernd. Aber sie ist es dann, wenn der eigene Standpunkt klar ist und man das „Andere“ überhaupt erst erkennen kann.
Advertisements

Über theresia_viasvitae

Ich bin Mitte 20, studiere Theologie & Romanistik und möchte mit diesem Blog vor allem Glaube & Alltag bzw. Glaube & Theologie (so paradox das klingen mag) verbinden. Mehr dazu im "About".
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Zwischenruf – Priestermangel? Gläubigenmangel!

  1. Pingback: Link-Tipp zur Zölibatsdebatte | viasvitae

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s