Thérèse von Lisieux über Askese

Bereits neulich habe ich aus dem kleinen Büchlein über Thérèse zitiert, dem ich nun einen weiteren Abschnitt entnehmen möchte, der mir besonders zugesagt hat. Es geht dabei um die rechte Haltung zur Askese. Freilich war Thérèse ein zutiefst asketischer Mensch. Aber sie versucht, uns zu erinnern, dass unser ganzes Leben Askese sein soll und nicht ein ausgewiesener Bereich, in dem wir der Versuchung unterliegen, Gott etwas beweisen zu wollen. Aber das möchte ich P. Grialou zusammenfassen lassen:

„Noch ein weiterer Aspekt ist zu erörtern, nämlich der der Askese. Man darf hier nicht einfach nur die Übertreibungen der Vergangenheit zurückweisen. Askese bleibt sicher notwendig. Wie aber sieht die Askese eines Menschen aus, der das Erbarmen Gottes erfahren hat und daraus lebt? Therese hat sich dazu auf das Evangelium vom Kind-sein bezogen. Man muss Kind sein, sagt sie. Was soll das heißen? Nichts tun? Keineswegs! Sie ist ein sehr energisches und geradezu heroisches Mädchen. Sie macht sich die Situation eines Kindes oder besser die Einsicht, dass Gott Erbarmen ist, zunutze. Dadurch bezwingt sie den Stolz, den wir oft in die Askese hineinlegen.
Ein wichtiger Punkt! Wir wollen uns Gott nähern, aber auf eigene Faust: ‚Du wirst sehen, wozu ich fähig bin! Es ist doch selbstverständlich, mein Gott: du wirst mir helfen, nicht wahr?‘ In unserem Selbstvertrauen und im Dynamismus, den wir vor allem in der Jugend haben, und im Vertrauen auf unsere Intelligenz sagen wir: ‚Mein Gott, ich nehme die Mühe auf mich; hilf einfach, und es gelingt!‘ Dieses Stolzsein auf die eigene Anstrengung stellt natürlich ein großes Hindernis dar. Das Selbstvertrauen schränkt unsere Aktivität weitgehend ein und schwächt sicher auch deren Wirksamkeit. Theoretisch wissen wir sehr gut: Gott wirkt alles. Dennoch wollen wir alles aus uns selbst tun und nehmen so den Platz Gottes ein. Wir sagen: ‚Um das mystische Leben kümmere ich mich später, wenn Schwierigkeiten auftreten; für den Augenblick komme ich gut zurecht, und das wird sicher so bleiben.‘ Ja, es gibt einen Stolz in der Askese, einen Stolz in der apostolischen Arbeit. Wir verwechseln so leicht Heiligkeit mit Heroismus. Wir wollen Helden sein, das heißt, wir wollen den Erfolg unserer physischen oder intellektuellen Kräfte absichern, vor allen Dingen wollen wir den der menschlichen und natürlichen Macht bestätigen. Der Held meint aus eigener Kraft den Sieg im Kampf zu erringen. Der Heilige aber lässt Gott siegen. Hier liegt der Unterschied. Wir sind heilig, wenn Gott alles in uns bewirkt, und wir sind nur dann vollkommene Kinder Gottes, wenn Gott uns leitet, uns Einsicht schenkt, und wenn wir uns ihm vollständig überlassen.
Am Anfang unseres geistlichen Lebens steuern wir unbewusst auf eine gewisse Heldenhaftigkeit zu. Wir haben unsere eigenen Kräfte erfahren. Der Stolz treibt uns an, diese Kräfte zu zeigen. Dem ist man auch im geistlichen Bereich ausgesetzt. Das ist fast unvermeidbar. Auch Therese wollte zunächst Jeanne d’Arc nachahmen. Bald wurde ihr klar, worin die Versuchung bestand. Sie hat diese überwunden: Sie wollte nur noch ein schwaches, unfähiges Kind sein. ‚Das bist du, mein Gott, der alles tut.‘
Auch wir erliegen der Versuchung des Stolzes in der Askese, wenn wir alles aus uns selbst tun wollen und das erstreben, was glänzt. Therese sagt im Zusammenhang mit außergewöhnlichen Abtötungen – und darin zeigt sie in ihrem Karmel besonderen Mut – ‚Der liebe Gott will das nicht für mich!‘ Sie hatte versucht, ein Eisenkreuz mit Stacheln zu tragen. Dadurch ist sie jedoch krank geworden. So begriff sie, dass diese Art der Askese nicht die ihre war. Eine solche Äußerung konnte damals, besonders im Karmel von Lisieux, beinahe den Eindruck erwecken, man sei eine schlechte Ordensfrau.
Während meines Noviziats trugen wir fast alle Tage Bußwerkzeuge. Das schien ganz normal, denn man meinte, man könne Novizen nicht ohne außergewöhnliche Bußwerkzeuge heranbilden. Die Gürtel aus Rosshaar taten nicht besonders weh, aber am Ende des Tages waren wir doch sehr nervös. Es war auch üblich, Ketten oder Bänder aus Eisen an den Armen oder Beinen zu tragen. Am Abend konnte, wer blutige Glieder hatte, sagen: ‚Mein Gott, sieh her, was ich für dich vollbracht habe!‘ Dabei konnte man leicht echte Fehler übersehen.“ (1)

Dieser Abschnitt ist freilich recht lang. Aber mir ist er beim Lesen ganz besonders ins Auge gesprungen. Denn ich hatte schon die „Geschichte einer Seele“ gelesen, um zu wissen, wie hart Thérèses Leben im Karmel war – dazu zählt z.B. allein die Tatsache, dass sie stets fror. Mir gefällt aber ihre Art, damit umzugehen und zu versuchen, schwach zu sein, ohne sich ihrer Schwachheit zu rühmen.
Vor allem kenne ich selbst die Versuchung, Gott stolz zu präsentieren, was man vollbracht hat – dass man sich noch zur Messe, zum Stundengebet oder zum Rosenkranz motiviert hat. Und die „Erwartungshaltung“, dass das nun eine positive Wirkung haben müsse. Das ist aber ganz sicher nicht die Haltung, die Gott von uns will und ich denke, Thérèse kann uns lehren, ein wenig von diesen schwierigen Haltungen abzulegen. Freilich will Er, dass wir alles von Ihm erwarten und Ihm ganz vertrauen – aber eben Ihm und nicht uns.

(1) Grialou, Maria-Eugen, Meine Berufung ist die Liebe. Die Botschaft der heiligen Therese von Lisieux, Trier 52008, 55-58.
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Über theresia_viasvitae

Ich bin Mitte 20, studiere Theologie & Romanistik und möchte mit diesem Blog vor allem Glaube & Alltag bzw. Glaube & Theologie (so paradox das klingen mag) verbinden. Mehr dazu im "About".
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2 Antworten zu Thérèse von Lisieux über Askese

  1. mirasol schreibt:

    Anstatt gerade fleißig „Hausfrauenarbeit“ zu erledigen, kommentiere ich lieber bei Dir! Man muss eben auch Prioritäten setzen. 😀
    Es freut mich, dass das Buch Dir (ebenfalls) so gut gefällt, hätte ich das gewusst, hätte ich meine Zettel drin kleben lassen, einen Teil Deines zitierten Abschnittes hatte ich mir auch markiert. 😉
    Und wie Recht Du damit hast… Mir geht es auch häufig so, auch wenn ich dann versuche diesen Gedanken und Erwartungen nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken – Ganz nah daran schließt sich ja auch ein wenig das Thema der Demut an, worüber ich auch schon einmal mit jemanden sprach. Sobald ich mir denke „ich bin/war demütig“ bin ich’s ja schon wieder nicht mehr…
    Es gibt eine Stelle da wird ein Gespräch zwischen Thérèse und einer Novizin geschildert, die sich fragt wie Thérèse so geduldig sein kann. Darauf sagt sie: „Am Anfang war ich wie Sie; aber eines schönen Tages hat der liebe Gott mich genommen und so weit gebracht.“ – Gott einfach machen lassen… Wie Du es auch am Ende schreibst! 🙂

    • theresia_viasvitae schreibt:

      Im Gedanken an die Geschichte von Maria und Martha kann ich natürlich Deine Prioritätensetzung nur gutheißen 😉
      Aber nun ganz im Ernst ganz herzlichen Dank für diesen schönen Kommentar! Das ist wirklich unglaublich, dass Du Dir ausgerechnet in diesem Abschnitt etwas markiert hattest…Und tatsächlich erinnere ich mich auch gut an die Stelle des Gesprächs mit der Novizin, die Du zitierst. Mehr muss/kann man nicht sagen!
      Der Bezug zur Demut ist sehr wertvoll und es ist tatsächlich schwer, jeweils herauszufinden, was gerade wahre Demut wäre…In jedem Fall danke ich Dir sehr!

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