Was bedeuten uns die Sakramente? – Gegen die Verharmlosung Jesu

Gestern las ich wieder einmal in der Aufsatzsammlung „Gegen die Verharmlosung Jesu“ von Gerhard Lohfink. Das Werk sammelt Reden des Theologen zu ganz unterschiedlichen Themen – die Titel reichen von „Der unbekannte Paulus“ bis zu „Wird der Kirche das Fasten entrissen?“. Kurz: Es ist wirklich ein großer Schatz an kurzweiligen, gut geschriebenen und inhaltlich sehr anregenden Auseinandersetzungen. Als dieser kleine Blog hier das Licht der Welt erblickte, startete er mit einem Zitat daraus.1

Nun las ich gestern den Teil „Wie ein Sakrament wirkt“ und wollte die Einleitung hier teilen, weil ich sie einfach sehr gut und griffig fand. Ich denke, diese zugegebenermaßen etwas lange Stelle kann uns anregen, uns zu fragen: Was bedeuten die Sakramente für mich? Was bedeutet es für mich, den Leib Christi zu empfangen?

„Die Sakramente der Kirche sind etwas Kostbares. Aber alles Kostbare ist auch immer in der Gefahr, alltäglich zu werden. Ich denke da vor allem an den Empfang der heiligen Eucharistie. Der Gang zur Kommunion ist für viele zur baren Selbstverständlichkeit geworden. Die Kommunion gehört zur Messe dazu (so wie sie noch im 19. Jahrhundert für viele nicht dazu gehört hat). Man gewöhnt sich an alles, auch an das Schönste und Wertvollste. Es wird zur Gewohnheit.

Das ist auf allen Gebieten des menschlichen Lebens so. Welchen Glanz kann die erste Begegnung mit einem Menschen haben. Und wie öde und schauerlich sehen viele Ehen und erst recht viele ‚Partnerschaften‘ schon nach wenigen Jahren aus! Erich Kästner schildert das in seinem Gedicht ‚Sachliche Romanze‘ folgendermaßen:

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken –
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Soweit Kästners meisterhaftes Gedicht darüber, wie die Liebe verloren gehen kann. ‚Plötzlich‘ kam den beiden die Liebe natürlich nicht abhanden. Das ‚plötzlich‘ meint bei Kästner nur den jähen Erkenntnisprozess. Voran geht in solchen Fällen meist eine lange Erosion, in der das Fundament der Gemeinsamkeit mehr und mehr zerbröckelt. Am Ende sind dann die schönsten Zeichen (‚versuchten Küsse, als ob nichts sei‘) zu völlig leeren, nichtssagenden Abläufen geworden.

Geht es uns mit den Sakramenten nicht ähnlich? Sie sind uns zur Normalität geworden. Sie erschüttern uns nicht mehr. Sie drehen unser Leben nicht mehr um. Gerade die Eucharistie, die Mitte des christlichen Lebens und das Sakrament der tiefsten Gegenwart Christi, ist von dieser Veralltäglichung und von diesem langsamen Brüchigwerden bedroht.“2

Ich denke, diese Analyse ist ziemlich richtig. Wer jetzt selbst Lust auf das Buch hat, kommt hier auf die Seite des Verlags.

1 Offenbar kannte ich damals noch nicht die Enter-Taste, mit der man übersichtliche Abschnitte hätte erstellen können.
2 Lohfink, Gerhard, Gegen die Verharmlosung Jesu. Reden über Jesus und die Kirche, Freiburg – Basel – Wien 2013, 287f.

Mir persönlich gefällt ja schon die Gestaltung des Titels besonders:

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Über theresia_viasvitae

Ich bin Mitte 20, studiere Theologie & Romanistik und möchte mit diesem Blog vor allem Glaube & Alltag bzw. Glaube & Theologie (so paradox das klingen mag) verbinden. Mehr dazu im "About".
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