Einblick hinter Klostermauern – mitten in der Großstadt

Am Samstag haben die Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem in Paris1 ihre Türen für einen Tag „Jeunes au monastère“ geöffnet. Nicht nur, weil wir (übrigens nur noch bis Februar!) das Jahr des geweihten Lebens haben2, woran ich immer wieder gerne erinnere, bin ich gerne hingegangen. Die Liturgie und Spiritualität dieser Gemeinschaft sind sehr eindrücklich. Ich möchte gerne ein wenig davon erzählen, auch, um eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie solche Tage aussehen können – vielleicht ist das eine Hilfe, selbst einmal teilzunehmen.

Die Kirche St. Gervais in Paris

St. Gervais

In der Nähe der wunderschönen Kirche St. Gervais, die sie betreuen, haben die Gemeinschaften Räume gemietet, in denen wir empfangen wurden. Es waren etwa 15 junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren, begleitet von einer Schwester und zwei Brüdern.

Lectio divina

Ab halb zehn gab es erst einmal Kekse und etwas Warmes zum Trinken, um sich ein ganz klein wenig kennenzulernen, dann begann der inhaltliche Teil. Unsere erste Station, der „Motor“ des Tages, war eine Lectio divina in kleinen Gruppen. Unsere Textgrundlage waren die Seligpreisungen. Mein erster Gedanke war: Oh nein, ein so oft rezitierter Text, wieso nicht eine weniger gelesene Stelle, in der es noch mehr zu entdecken gibt? Aber gerade in dieser Situation begegnete mir die Gnade, von diesem Text besonders angesprochen zu werden – das ist ja auch das Besondere, wenn man sich auf einen solchen Text innerhalb der Lectio divina einlässt. Der Teilsatz, der mich besonders angesprochen hat, – ich verrate ihn in einer Fußnote3, vielleicht will der ein oder andere Leser eine Lectio divina der Stelle machen und nachher vergleichen, was ihn besonders angesprochen hat 🙂

Danach wurde uns die Geschichte der Gemeinschaften in einer Diashow näher gebracht. Besonders lange wurden Wüstenbilder gezeigt, um die besondere Berufung deutlich zu machen. Der Gründer, Pierre-Marie Delfieux, war eigentlich Studentenpfarrer und hatte um ein Sabbatjahr gebeten, um nach Algerien in die Wüste zu gehen. Dort erkannte er: die eigentliche Wüste, das sind unsere Städte! Und so gründete er die FMJ, die, solidarisch mit den Städtern, im Herzen der Hektik eine Oase der Ruhe und des Gebets bilden. Und wer schon einmal in einer ihrer Kirchen war, kennt das eindrückliche Erlebnis: draußen rauscht das volle Leben, gerade noch wurde man angerempelt, der Kopf brummt vom Straßenlärm, da öffnet man die Kirchentür und drinnen ist – nichts. Stille. Der Geruch nach Weihrauch. Ikonen. Gott.

Liturgie und Mittagsmahl

Anschließend wurde die Mittagshore in der Kirche gebetet, die dort knapp 40 Minuten dauert. Neben einer biblischen Lesung gibt es eine spirituelle Lesung, in diesen Zeiten ein Schreiben über die Familie von Johannes Paul II.

Das Essen nahmen wir direkt bei den Schwestern (Frauen) bzw. Brüdern (Männern) ein und dieser Einblick hat mich natürlich besonders gefreut. Erstaunlich, wie das Charisma selbst die Einrichtung bestimmt! Grobe Holztische, schwere Tonkrüge, Hocker ohne Lehnen statt Stühle, die man unter die Tische schieben kann. Statt Smalltalk wurde eine geistliche Lesung gelesen, aktuell aus einem Buch über heilige Ehepaare, deren Geschichten mich zu Tränen gerührt haben.

Ein konkreter Vorschlag von Papst Franziskus

Nachdem wir zurückgekehrt waren, haben wir uns die Botschaft des Papstes zum Weltjugendtag 2016 angeschaut und ausgehend davon über Barmherzigkeit gesprochen. Der Papst empfiehlt, sich bis zum Weltjugendtag jeden Monat vorzunehmen, jeweils ein spirituelles und ein körperliches barmherziges Werk zu tun. Was könnte das sein? Ich freue mich über Vorschläge! Ich habe mir dort natürlich auch schon ein paar Gedanken gemacht, aber man muss sich wirklich hinsetzen, nachdenken und dann v.a.: losgehen!

Saft und Kuchen an der Seine

Um ein wenig an die frische Luft zu kommen, sind wir am späten Nachmittag spazieren gegangen und haben am Ufer der Seine den „goûter“ eingenommen, das ist der Nachmittagsimbiss für die Kinder in Frankreich, wenn sie aus der Schule kommen. Es war wirklich nett, wie wir Kuchen und Saft geteilt haben. Dabei nutzten die Schwestern und Brüder die Chance, ihr umfassendes Angebot für junge Erwachsene vorzustellen.

Nach dem Weg zurück erwarteten uns noch die Vesper und die Messe. Gegen kurz vor halb acht bin ich dann sehr erfüllt nach Hause gefahren – beeindruckt auch von den jungen Leuten, die sich heute von einem solchen Angebot ansprechen lassen. Ja, es gibt sie noch und ja, es sind tolle, junge Menschen, die offen und herzlich gegenüber Ausländern (also mir 😉 ) sind und sich die wichtigen und großen Fragen des Lebens stellen, statt vor der Playstation zu hängen. Nicht zuletzt das hat mich an diesem Tag besonders beeindruckt!

Und jetzt?

Wer jetzt auch Lust bekommen hat: Besonders im Jahr der Orden kann ich nur erneut dazu aufrufen, unsere reichhaltige Landschaft religiöser Gemeinschaften näher kennenzulernen, auch, um ihnen zu sagen: Schön, dass Ihr (noch) da seid! Ich finde es toll, was Ihr macht! Und wer die Monastischen Gemeinschaften kennenlernen will, muss nicht nach Frankreich, sie sind auch im schönen Köln in der noch viel schöneren romanischen Kirche Groß Sankt Martin.

Groß St. Martin

Groß St. Martin, die Kirche der Monastischen Gemeinschaften von Jerusalem in Köln

Ganz leicht kann man schließlich auch unter diesem Beitrag seine eigenen Erfahrungen und Meinungen teilen, zur Lectio divina, zu den Vorschlägen des Papstes, zum Jahr des geweihten Lebens, zu Tagen der offenen Tür im Kloster…

Und immer, wirklich immer, kann man ein kurzes Gebet an Gott richten, dass er die Menschen begleitet, die Ihm in dieser Lebensform ihr ganzes Leben zur Verfügung stellen.

Das Logo des deutschen Jahres der Orden

Das deutsche Logo zum „Jahr der Orden“

1 Der geneigte Leser erfährt an dieser Stelle, dass der Ort, an den ich gezogen bin, Paris ist.
2 Ich weiß nicht, wie es anderen Bloggern/Lesern geht, aber irgendwie finde ich nicht, dass das über die Maßen präsent ist, oder? Also, ganz generell?
3 „[…] ses disciples s’approchèrent de lui/seine Jünger traten zu ihm“ (Mt 5,1)
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Über theresia_viasvitae

Ich bin Mitte 20, studiere Theologie & Romanistik und möchte mit diesem Blog vor allem Glaube & Alltag bzw. Glaube & Theologie (so paradox das klingen mag) verbinden. Mehr dazu im "About".
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8 Antworten zu Einblick hinter Klostermauern – mitten in der Großstadt

  1. Tarquinius schreibt:

    Geistliche Barmherzigeit: Die Unwissenden durch Blogbeiträge belehren (z.B. durch Aufmerksammachen auf das unbemerkte Jahr der Orden) und Kommentatoren geduldig ertragen.

    Aber im Ernst … vielen Dank für den Beitrag und den Einblick hinter die Klosterpforte. Und um die Werke der Barmherzigkeit sollte ich mir auch mal Gedanken machen …

  2. Pingback: Wozu braucht es eigentlich das Ordensleben? | viasvitae

  3. mirasol schreibt:

    Am 15.10. gab es auch was in Köln, leider verpasst. 😦 Das klingt gar nicht mal so schlecht, ist sicherlich mal eine schöne Abwechslung… Werde das mal weiter in Beobachtung halten. 😀

    Eine körperliche Barmherzigkeit… So was wie, für Verwandte/Eltern/Freunde einfach was abnehmen? Zur winterlichen Zeit, einfach mal morgens die Schneeschaufel packen und nicht warten das es wer anders tut 🙂

    • theresia_viasvitae schreibt:

      Das klingt sehr gut! An solche Dinge hatte ich tatsächlich auch gedacht.

      • mirasol schreibt:

        Zur geistlichen Barmherzigkeit fiel mir auch noch was ein. In einem nahegelegenen Kloster wurden neulich die neuen Erstkommunionkinder vorgestellt, zufällig als ich dort zur Messe war. Am Ende konnte/durfte sich jeder einen Zettel nehmen, in dem der Name eines der Kinder stand mit einem Gebet und der Bitte für diese Kind zu beten. Das finde ich auch eine sehr schöne Sache – Auch wenn es vielleicht nicht ganz der Barmherzigkeit entspricht, die Du meintest?!

  4. Pingback: Zur Abwechslung… | viasvitae

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