Der Prophet im eigenen Land – Gespräche mit meinem Vater

Bereits vor einiger Zeit schrieb Tarquinius in einem Beitrag über die gewisse Schwierigkeit, mit den eigenen Eltern über religiöse Dinge zu sprechen. Dieses Problem kenne ich nur allzu gut – es ist sogar interessanterweise nicht insofern schwierig, als dass sie kirchenfern wären, als vielmehr, dass wir innerkirchlich unterschiedliche Meinungen vertreten. Jüngst aber gab es den seltenen Fall, dass ich rein argumentativ einmal bei meinem Vater eine Einsicht – oder vorsichtiger, den Ansatz einer Einsicht – erreichen konnte.

  1. Vorrede

Ein uns schon länger beschäftigendes Thema ist der Kirchenraum. Freilich ein Streitthema, denn in meiner Heimatgegend ist man gähnend leere 70er-Jahre Betonkirchen gewohnt, die allerhöchstens mit ein paar Palmen zumindest etwas wohnzimmermäßig gemütlich gestaltet werden…
Ich äußere mich schon seit längerem negativ darüber, dass mir erstens ein großes Kreuz, ein Altarbild oder sonst etwas fehlt, und zweitens, dass diese Atmosphäre zum Tratschen einlädt. Denn einerseits fühlt man sich überhaupt nicht wie in einem Gotteshaus, sondern eher wie in einer großen alten Fabrik, betrachtet man die Leere. Wird andererseits versucht, die Kirche durch Bestandteile eines Wohnzimmers gemütlich zu machen, fühlt man sich nicht nur nicht wie in einem Gotteshaus, sondern zusätzlich hat man einmal mehr das Gefühl, in der Kirche werde der Alltag schlicht verlängert.

  1. Vorrede

Damit dies alles Thema werden konnte, bedurfte es der Renovierung einer der Kirchen unserer Seelsorgeeinheit. Die zuvor kahl und steril wirkende Kirche wirkte nach der Renovierung, was ich kaum fassen konnte, noch steriler und kälter. Das – zugegebenermaßen wirklich hässliche – Altarbild war nämlich einfach ersatzlos entfernt worden, stattdessen starrt man in der Kirche jetzt auf eine weiße Wand. Nun versuchte mein Vater mir zu erklären, dass man auch in dieser Wand etwas entdecken könne, schließlich stehe jeder zweite Stein etwas heraus und symbolisierte so die individuellen Gemeindemitglieder. Aha.

Das Gespräch

Nun war es Sonntagmorgen, wir hatten uns immerhin schon geeinigt, in welche Filialkirche wir gehen wollten (nicht in jene grausam renovierte, aber in eine ebenso gähnend leer und steril wirkende), und es kam eine weitere Unsitte zum Tragen. Ich nämlich dränge immer zum Aufbruch, während mein Vater sich zwei Minuten vor Gottesdienstbeginn ins Auto zu setzen pflegt, sodass man, wenn man Glück hat, zum Eingangslied da ist. Dieses Mal schaffte ich es, dass wir tatsächlich 15 Minuten vorher im Auto saßen.
Mein Vater schaute auf die Uhr und sagte entsetzt: „Meine Güte, es ist Viertel vor, was sollen wir denn so früh in der Kirche?“ Ich erwiderte, dass ich es sehr gerne möge, denn so könne man sich sammeln, schon einmal beten, sich auf die Messe einstellen. „Ja, schon“, gestand er, „aber doch nicht in der Kirche! Da quatschen doch immer alle vorher, das ist doch gar keine Gebetsatmosphäre!“
Und hier hatte ich die entscheidende Vorlage, um ihn darüber aufzuklären, dass gerade die von ihm so verehrte Kahlheit der Kirchen dazu beitrüge, dass die Leute ganz normal weiterreden und eben nicht von Ehrfurcht gepackt still in die Bänke verschwinden. Ich argumentierte, dass dies bspw. in einer Barockkirche nicht geschähe. Und, das Wunder wurde wahr, er stimmte mir zu.
Nun geschah allerdings das zweite Wunder nicht, dass unsere 70er Jahre Kirche sich in eine wunderschöne marmorne Barockkathedrale verwandelte, wir aber dennoch so früh in diese unruhige Atmosphäre unterwegs waren. Wieder also fing er an, was wir denn jetzt dort sollten. Ich argumentierte abermals, man solle sich in die Bank knien und beten, denn freilich war es eine Tatsache, dass sich die Leute dort schlecht verhielten und quatschten, aber wenn keiner anfinge und sozusagen vormache, was man stattdessen machen könnte, nämlich beten, würde es nie besser werden. Auch hier stimmte er mir zu.

Das war, ausnahmsweise, mal ein gelingendes Gespräch.

Als Theologe, der das et et im Blick hat, muss ich nun leider noch zugeben, dass sich die Szene einige Wochen später wiederholte, ich wieder zum Aufbruch drängte, er wieder entgeistert fragte: „Aber in dieser Kirche willst Du so früh da sein?“ – und er all mein großartiges Argumentieren schon wieder vergessen zu haben schien…

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Über theresia_viasvitae

Ich bin Mitte 20, studiere Theologie & Romanistik und möchte mit diesem Blog vor allem Glaube & Alltag bzw. Glaube & Theologie (so paradox das klingen mag) verbinden. Mehr dazu im "About".
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2 Antworten zu Der Prophet im eigenen Land – Gespräche mit meinem Vater

  1. Tarquinius schreibt:

    Schwerer als kirchenfern ist all zu oft „anders positioniert“ kirchennah – zumindest empfinde ich es so. Danke für diesen Einblick!

    Achja: Ich würde sagen, die herausstehenden Steine symbolisieren womöglich die mühsame, sich Stein für Stein und Argument für Argument aufbauende Überzeugungsarbeit… 😉

  2. Pingback: Ein kleines Weihnachtsgeschenk in der Messe | viasvitae

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