Was mich an der aktuellen Theologie stört – Die gleichgültige Aussprache des Gottesnamens

Eines der Dinge, die mich wirklich stören, was den „Alltag“ der universitären Theologie angeht, ist, dass der Gottesname JHWH bedenkenlos ausgesprochen wird. Anstatt, dass man eine – m.E. nach respektvollere – Anrede wie „Adonai“ (hebr. Herr) oder schlicht „Herr“ wählt, spricht man eine vokalisierte Version des Namens aus, die sich außer dem etwas ungewohnten Klang nicht von einem Götternamen wie Zeus unterscheidet.
Freilich, diese Vorgehensweise ist nicht ohne Logik, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ich u.a. in einer Vorlesung einmal hörte, dass eben jener JHWH ein „Wettergott“ unter vielen anderen gewesen sei, der aus einem bestimmten Gebiet nach Israel importiert worden sei. Eben ein Gott mit bestimmten Funktionen und dementsprechend, um ihn von anderen abzugrenzen, auch mit einem bestimmten Namen.
Immerhin habe ich aber einen großen Gewährsmann, was den Umgang mit dem Gottesnamen angeht: Benedikt XVI. Er schreibt in seinem Jesus-Buch bei der Behandlung der Vaterunser-Bitte „Geheiligt werde Dein Name“:
„Aber in der Welt von damals gab es viele Götter; so fragt ihn Mose nach seinem Namen, mit dem dieser Gott sich den Göttern gegenüber in seiner besonderen Autorität ausweist. Insofern gehört die Idee des Gottesnamens zunächst der polytheistischen Welt zu; in ihr muss auch dieser Gott sich einen Namen geben. Aber der Gott, der Mose ruft, ist wirklich Gott. Gott im eigentlichen und wahren Sinn gibt es nicht in der Mehrzahl. Gott ist vom Wesen her nur einer. Darum kann er nicht in die Götterwelt eintreten wie einer von vielen, kann nicht einen Namen unter anderen Namen haben.
So ist die Antwort Gottes zugleich Verweigerung und Zusage. Er sagt von sich einfach „Ich bin, der ich bin“ – er ist schlechthin. Deswegen war es durchaus richtig, dass man in Israel diese Selbstbezeichnung Gottes, die in dem Wort JHWH gehört wurde, nicht ausgesprochen hat, sie nicht zu einer Art Götternamen degradiert hat. Und es war daher nicht richtig, dass man in den neuen Übersetzungen der Bibel diesen für Israel immer geheimnisvollen und unaussprechbaren Namen wie irgendeinen Namen schreibt und so das Geheimnis Gottes, von dem es weder Bilder noch aussprechbare Namen gibt, ins Gewöhnliche einer allgemeinen Religionsgeschichte heruntergezogen hat.“
Ratzinger, Joseph/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg – Basel – Wien 2006, 176f.

Hier liefert uns der emeritierte Papst einen, wie ich finde, sehr stimmigen theologischen Hintergrund, warum man den Gottesnamen nicht zu einem „normalen“ Namen machen sollte. Denn gerade durch diese Unaussprechbarkeit drückt sich seine Einzigartigkeit aus – und auch, dass er eben nicht ein Gott unter vielen ist.
Dass man auch den Namen Gottes nicht mehr ehrt, sondern ihn wie jeden anderen behandelt, zeigt für mich auch einmal mehr, wie sehr die Neuzeit darauf bedacht ist, alles Geheimnisvolle, Unsagbare, letztlich Gnadenhafte Gottes abzuwerten und auf eine rein menschliche Ebene zu holen. Aber Gott ist eben nicht auf einer rein menschlichen Ebene zu suchen und weder ein Sozialethiker, noch ein Religionspädagoge, noch ein Revolutionär, noch eine „Chiffre für gelingendes menschliches Leben“ – Gott ist Gott.

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Über theresia_viasvitae

Ich bin Mitte 20, studiere Theologie & Romanistik und möchte mit diesem Blog vor allem Glaube & Alltag bzw. Glaube & Theologie (so paradox das klingen mag) verbinden. Mehr dazu im "About".
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3 Antworten zu Was mich an der aktuellen Theologie stört – Die gleichgültige Aussprache des Gottesnamens

  1. Tarquinius schreibt:

    Irgendetwas missfiel mir auch stets daran, aber so hunderprozentig konnte ich nicht benennen, wieso mich das störte. Danke für die gute Erklärung!

  2. Pingback: Meckern über Theologieprofessoren | viasvitae

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