Theologie und Glaube – Über die Exegese und David, den Warlord

Fragt man, inwiefern das (heutige) Theologiestudium gar glaubensgefährdend sein kann, so spielt meistens besonders die Exegese eine Rolle. Schließlich ist sie es, die – speziell in der historisch-kritischen Version – es sich gleichsam zu eigen gemacht hat, Glaubens- und Traditionsgut regelrecht zu zertrümmern.

An einem Beispiel soll dies deutlich gemacht werden. König David, der uns im Alten Testament an mehreren Stellen begegnet und dem auch die allermeisten Psalmen zugeschrieben werden, wurde mir in meinem Theologiestudium bisher gleich zweimal zertrümmert. In einer Vorlesung kam heraus, dass er sich selbst auf den Königsthron geputscht habe, und einer unter vielen Warlords Israels gewesen sei. David, der ideale König und Psalmenschreiber, war also in Wirklichkeit ein Warlord.
In einer davon völlig unabhängigen Vorlesung kam, ganz ähnlich, heraus, dass David ein gewiefter Propagandist und meuchelmörderischer Verbrecher war. Dafür wurde einerseits argumentiert, weil seine Geschichte einfach zu ideal sei, andererseits, weil sich seine Grausamkeit sozusagen exemplarisch an der Tat an Uria zeige, den er an die Front geschickt hatte, weil er dessen Frau begehrte. Eine schlechte Tat reicht damit aus, ihn generell als unrechtmäßigen und meuchelmörderischen König zu qualifizieren. Das Problem, dass der gleiche David die sehr poetischen Psalmen verfasst hat, löst diese Exegese dann damit, ihn mit dem abstrakt-anachronistischen Titel „Musik-Therapeut“ zu bezeichnen…

Freilich darf man die Augen nicht vor den historischen Hintergründen verschließen. Die Geschichte ist eine große Lehremeisterin und wir sind dringend auf sie angewiesen, wollen wir vergangene Fehler in Zukunft vermeiden. Allerdings frage ich mich, wieso die Exegese immer gleich das komplette Gegenteil des Textsinns behaupten muss, der sich einem intuitiv eingibt? Wieso muss David, wenn historische Umstände darauf deuten, dass er wohl doch nicht der Idealkönig war, gleich Warlord und Meuchelmörder sein? Steckt dahinter nicht schon eine Voreinstellung der Exegese, möglichst aggressiv an die Texte heranzugehen?

Und wieso lässt die Exegese die Systematik mit ihren Erkenntnissen völlig im Regen stehen? Wieso zertrümmert sie erst und bietet dann nicht an, wie man damit umgehen kann? In der letzten Vorlesung hieß es tröstend, die legendarische Davidsgeschichte, die so nie stattgefunden habe, zeige etwas Wichtiges über Berufung: In der Auserwählung des Hirtenjungen Davids werde deutlich, dass auch ein unwahrscheinlicher Kandidat von Gott erwählt wird. Das ist tatsächlich ein sehr schöner Gedanke, allein was hilft er mir, besser mit David, dem Warlord, klarzukommen?

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Über theresia_viasvitae

Ich bin Mitte 20, studiere Theologie & Romanistik und möchte mit diesem Blog vor allem Glaube & Alltag bzw. Glaube & Theologie (so paradox das klingen mag) verbinden. Mehr dazu im "About".
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7 Antworten zu Theologie und Glaube – Über die Exegese und David, den Warlord

  1. Tarquinius schreibt:

    Tja… 😦

  2. Andreas schreibt:

    Manchmal kann es helfen, sich ein wenig Gegengift zu injizieren. Höre also: Wende Deine Schritte zur Institutsbibliothek. Dort wirst ein Buch Du finden, in einen Einband gewickelt und in einem Regal stehend, und sein Autor wird sein Romano Guardini und sein Titel „Die menschliche Wirklichkeit des Herrn“ genannt werden. Das nimm und lies … darin das Vorwort!

    (Und bis Du es gelesen hast, kann ich mich ja hier mit Frater Tarquinius wieder über scharfe Sachen unterhalten). 🙂

    • Tarquinius schreibt:

      Also also, lieber Andreas, Du wirst doch wohl nicht Deine Kinderstube vergessen? 😉

      • Tarquinius schreibt:

        Achja, und ehe ich hier wieder nur sinnlos herumquatsche – ich musste mir da ja anderswo schon Vorwürfe machen lassen – noch ein kleiner Hinweis. Du bist ja sicher bei der exegetischen Methodenlehre auch mal auf Ratzingers „Schriftauslegung im Widerstreit“ (Quaestiones disputatae; Bd. 117) gestoßen, zumindest mal in irgendeiner Literaturangabe? Ich bin nun kein großer Ratzingerianer, aber ein kleiner Blick hinein mag sich vielleicht lohnen. Der Papa Emeritus sieht da die Probleme der Exegese weniger innerexegetisch denn philosophisch und somit auch systematisch-theologisch.

  3. theresia_viasvitae schreibt:

    Ganz herzlichen Dank Euch beiden für die Literaturhinweise, die ich in jedem Fall verfolgen werde!

  4. Claudia Sperlich schreibt:

    David war selbstverständlich ein Sünder.
    Aber macht ihn das zu etwas Besonderem? Besonders wird er durch die Erwählung – und durch die Psalmen. Sünder sein ist nun wirklich nichts Außergewöhnliches.

  5. Pingback: Die Psalmen Davids – schön vertont | viasvitae

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