Media vita in morte sumus

Donnerstags schlägt das Stundenbuch für die Komplet, das Nachtgebet der Kirche, den Hymnus „Media vita in morte sumus“, „Mitten wir im Leben sind“, vor. Er macht in besonderer Weise auf die menschliche Kontingenz aufmerksam und fasst des Menschen Flehen in Worte, dass Gott ihn erretten und nicht im Tod versinken lassen soll.

Neulich hat ein Professor im Kontext der Paradieserzählung darauf hingewiesen, dass wir nach dem Sündenfall die Evidenz Gottes verloren haben. Es stimmt, dass es für die Menschen vor dem Essen der Frucht vom Baum der Erkenntnis klar, offensichtlich, war, dass bei Gott ihr Glück ist. Sie mussten sich keine Sorgen machen, da sie wussten, dass in seiner Gemeinschaft ihr Heil besteht.

Nach dem Sündenfall und ihrer Vertreibung aus dem Paradies allerdings ist diese Offensichtlichkeit den Menschen verloren gegangen. Das Bewusstsein unserer Kontingenz und die zahlreichen innerweltlichen negativen Dinge halten unseren Blick fern von Gott, richten ihn nicht mehr eindeutig auf ihn aus wie noch im Paradies.

Für mich war jedoch bedeutsam, dass wir zwar die Evidenz verloren haben, dass Gott unsere Rettung ist, also dass es uns nicht mehr gleichsam automatisch einleuchtet, dass Gott allein uns Heil bringen kann, sobald wir auf der Erde sind. An der Tatsache an sich besteht aber kein Zweifel: Gott ist unser Heil und er kann uns retten. Wir haben zwar keine Evidenz mehr, aber wir können und dürfen glauben an Gott den HERRN, unseren Heiland.

Mitten wir im Leben sind
mit dem Tod umfangen.
Wer ist, der uns Hilfe bringt,
dass wir Gnad‘ erlangen?
Das bist Du, HERR, alleine.
Uns reuet unsere Missetat,
die Dich, HERR, erzürnet hat.
Heiliger HERRE Gott, heiliger starker Gott,
heiliger barmherziger Heiland,
lass uns nicht versinken
in des bittern Todes Not.
Kyrieleison.
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Über theresia_viasvitae

Ich bin Mitte 20, studiere Theologie & Romanistik und möchte mit diesem Blog vor allem Glaube & Alltag bzw. Glaube & Theologie (so paradox das klingen mag) verbinden. Mehr dazu im "About".
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3 Antworten zu Media vita in morte sumus

  1. Tarquinius schreibt:

    Ah, vielen Dank dafür, dass Du diesen Hymnus hier eingestellt hast. Ich denke, er ist von ganz besonderer Tiefe und Tröstlichkeit.

  2. Braut des Lammes schreibt:

    Danke für diesen schönen Beitrag. Eine Anmerkung: Media in vita in morte sumus bedeutet übertragen etwa „Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen“, das ist bei „Mitten wir im Leben sind“ verlorengengangen.

  3. theresiaelisabeth schreibt:

    Vielen Dank! Da hast Du absolut Recht! Ich habe überlegt, ob man die Bedeutung noch sehen kann, wenn man es als Enjambement sieht und die zweite Zeile als zur ersten gehörig liest, allerdings ist die Satzstellung der ersten so, dass man da eigentlich nichts ergänzen kann. Es bestätigt sich, dass bei Übersetzungen häufig etwas verloren geht, hier mutmaßlich zugunsten des Reimes von „sind“ und „bringt“, wobei das auch nicht der schönste Reim ist, den man sich vorstellen kann…

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